#Achtsamkeit #Mentale Gesundheit

Kein Bock auf Achtsamkeit?! Warum Achtsamkeit kein überbewerteter Hype ist

Es ist dieser Moment in der Bahn, wenn du aus dem Fenster schaust und deine Gedanken abdriften. Manchmal passiert es auch bei der Arbeit während du auf den Bildschirm starrst, sich die Gedanken in den Kopf bohren und du von ihnen weggetragen wirst. Es passiert uns allen in den unterschiedlichsten Situationen und ist von individueller Länge: Das berühmt-berüchtigte Gedankenkarussell.

Einige malen sich mithilfe ihrer Phantasie sehnlichste Wünsche aus, andere durchleben bereits vergangene Situationen und wiederum andere gehen im Kopf die To-Do-Liste für den anstehenden Tag durch. Fakt ist, wir alle haben einzigartige Gedankenkonstrukte – es ist Teil des Menschseins.

Mit seinen Gedanken zu sein, verlangt einem eine ganze Menge ab und ist gar nicht so einfach. Das Konzept der Achtsamkeit kann dir dabei helfen, mehr im Moment zu leben und Gedanken bewusster wahrzunehmen.

“Achtsamkeit ist doch nur etwas für Esoteriker, die den Bezug zur Realität verloren haben”, werden einige von euch jetzt vielleicht denken. Das ist nur eines der vielen Vorurteile, die sich zum Thema Achtsamkeit über die Zeit ihren Weg gebahnt haben.

In diesem Artikel werden wir versuchen, einige dieser Vorurteile zu thematisieren und herauszufinden, weshalb Achtsamkeit kein Weg ist, der Realität zu entfliehen, sondern mit seinen Gedanken im Frieden zu leben – und zwar in allen Situationen, die uns das Leben so abverlangt.

Studie beweist: Lieber Elektroschocks statt mit den eigenen Gedanken zu sitzen

Was viele von uns bestimmt nicht ahnen: Die meisten Menschen sind nicht glücklich mit den Gedanken, die in ihren Köpfen kreisen. Was wäre, wenn wir dir sagen, dass es sogar Menschen gibt, die sich lieber Elektroschocks verpassen lassen als mit ihren Gedanken zu sitzen. Zugegebenermaßen, das klingt ganz schön schräg, wurde allerdings vor einiger Zeit von Wissenschaftler*innen bewiesen.

An der University of Virginia in Charlottesville hat ein Forscherteam eine außergewöhnliche Untersuchung zum Thema Gedanken durchgeführt. Sie brachten Freiwillige in einen spärlich eingerichtet Raum und baten sie, sich von Dingen wie ihrem Handy, Schreibwerkzeug oder Büchern zu trennen, um nicht abgelenkt werden zu können. Nun wurden die Teilnehmer*innen gebeten, sich für einen Zeitraum von 6 bis 15 Minuten auf einen Stuhl zu setzen und sich mit ihren Gedanken zu beschäftigen.

Danach mussten die Teilnehmer*innen bewerten, wie viel Freude ihnen die Aktivität bereitet hat – auf einer Skala von 1 bis 10. Mehr als 50 Prozent sagten, dass sie wenig Freude dabei empfunden haben und es ihnen schwer fiel, sich gedanklich zu fokussieren.

Daraufhin verlagerten die Forscher*innen dieses Experiment zu den Probanden*innen nach Hause, um zu prüfen, ob es die Ergebnisse beeinflussen würde. Aber auch hier empfanden die Probanden*innen mittlere bis mäßige Freude beim Sitzen mit ihren Gedanken und waren zunehmend gelangweilt. Die meisten sagten, dass sie es wesentlich mehr erfreute, Musik zu hören oder ein Buch zu lesen statt sich mit ihren Gedanken zu beschäftigen.

Daraufhin entschied das Forscherteam einen Schritt weiterzugehen: Sie beförderten die Teilnehmer*innen wieder für 15 Minuten ins Zimmer im Labor – nun allerdings mit einem Knopf ausgestattet, den sie drücken können, um sich einen Elektroschock verpassen zu lassen. Obwohl alle Teilnehmer*innen vorher angaben, dass sie sogar Geld bezahlen würden, um Elektroschocks zu vermeiden, gaben sich 67 Prozent der Männer und 25 Prozent der Frauen einen Elektroschock anstatt mit ihren Gedanken zu sitzen – quasi als “Entertainment-Faktor”.

“Wir hätten nicht gedacht, dass es für Menschen so schwer sein wird, sich mit sich selbst zu beschäftigen.”, sagt der leitende Psychologe Timothy Wilson. “Wir haben diesen großartigen Verstand, der gefüllt ist mit Erinnerungen und wir haben sogar die Möglichkeit, tolle Fantasien und Geschichten damit zu kreieren. Wir dachten wirklich, dass das Experiment etwas sein würde, was den Probanden gefällt”. 

Problemlösung Ablenkung: Wenn Wegrennen nicht mehr zieht

Die Studie mag zwar im ersten Moment erschrecken, allerdings geht es hier um ein Thema, das heute wichtiger denn je ist. In unseren schnelllebigen Zeiten haben wir kaum mehr Zeit dafür, uns uns selbst zuzuwenden und einfach nur zu beobachten, was ins uns und um uns herum passiert. 

Wenn wir uns nicht bewusst Auszeiten nehmen, sind wir fast immer damit beschäftigt, etwas zu tun oder auf unsere Umgebung zu reagieren. Kein Wunder, schließlich ist die Vielfalt an Ablenkfaktoren größer denn je.

Das “Hier und Jetzt” langweilt schnell und erscheint fast schon altmodisch. Von Instagram über Netflix bis hin zum Fernsehen, Musik hören oder ein Buch lesen – das Potpourri der Ablenkungen ist bunt.

Wenn uns das letzte Jahr etwas gelehrt hat, dann ist es die Tatsache, dass wir vor unseren Gedanken nicht wegrennen können – seien sie noch so unangenehm.

Ja, es ist sogar umgekehrt: Je mehr wir uns gegen sie wehren desto mehr Platz werden sie sich verschaffen, in unserem Körper und Geist. Bis der Leidensdruck irgendwann so groß wird, dass wir hinschauen müssen.

Wundermittel Achtsamkeit: Wo beginnt ein bewusstes Leben?  

Viele Menschen, die es bereits mit schweren Leidensbildern wie Depressionen, Angstzuständen oder Burnout zu tun hatten, fanden in der Achtsamkeit Linderung und einen neuen Weg, ihr Leben neu zu gestalten.

Doch Achtsamkeit muss nicht erst zum Einsatz kommen, wenn der Leidensdruck nicht mehr tragbar ist. Es ist vor allem eine Methode oder ein Konzept, das präventiv wirkt und sehr einfach in deinen Alltag integriert werden kann, um Zugang zu einem ausgeglichenen und bewussten Leben zu ermöglichen.

Tja, bleibt nur die Frage: Wo fängt man da an? Oftmals wird Achtsamkeit nämlich als dieses komplexe und höchst abstrakte Konzept dargestellt, das nur mit viel Ausdauer, Disziplin, Zeit und Übung integriert werden kann.

Kinder sind die besten Lehrer für Achtsamkeit

Die guten Nachrichten sind: Achtsamkeit ist in jedem Menschen verankert. Es ist die menschliche und angeborene Fähigkeit, voll und ganz bei dem zu sein, was man gerade tut statt sich von den äußeren Umständen, der Vergangenheit oder der Zukunft ablenken zu lassen.

Um das Konzept der Achtsamkeit zu verstehen, kannst du einfach mal Kinder beobachten: Erinnerst du dich noch, wie es war, draußen zu spielen und die Zeit zu vergessen bis dich deine Eltern rufen oder sogar holen mussten? Genau das ist Achtsamkeit: Voll und ganz im Moment und bei der Sache zu sein. Das mag sich jetzt total trivial anhören, aber wir wissen alle aus eigenen Erfahrungen, wie schwierig es letztendlich sein kann.

Zu schnell verstricken sich die Gedanken in der Vergangenheit oder der Zukunft und der Verstand nimmt die Zügel in die Hand. Auf einmal befinden wir uns in einem Strudel aus Gedanken, aus dem wir selbst oftmals nur schwer herauskommen. Diese Spirale kreiert nicht selten Ängste, Sorgen oder Panik.

“Achtsamkeit ist nur etwas für Esoteriker und Religiöse”

Vor allem in den letzten Jahren hat der Begriff der Achtsamkeit viel Zuspruch erfahren und wurde nicht selten zweckentfremdet und verkompliziert. So haben  sich auch viele Vorurteile ihren Weg gebahnt: 

  • “Achtsamkeit ist nur etwas für Esoterik-Leute, die den Bezug zur Realität verloren haben.”
  • “Achtsamkeit ist ein weiteres Tool der Selbstoptimierung.” 
  • “Man muss Achtsamkeit hart erlernen.” 
  • “Um achtsam zu sein, muss man im Schneidersitz meditieren.”
  • “Man braucht absolute Stille, um Achtsamkeit zu praktizieren.”
  • “Für ein achtsames Leben braucht man viel Zeit.” 
  • “Um achtsam zu leben, muss man Buddhist*in sein.”

Das sind nur einige der Vorurteile, die so im Umlauf sind, wenn es um das Thema Achtsamkeit geht. Und, wir wollen es gar nicht leugnen, denn bestimmt ist an einigen von ihnen auch etwas dran.

So wird die Idee von Achtsamkeit von vielen Menschen, genau wie Yoga und Meditation, dazu genutzt, um ständig nach Selbstoptimierung seines Ist-Zustands zu streben und damit dem eigentlichen Moment zu entfliehen. Man nennt das im Fachjargon auch “Spiritual Bypassing”.

Es beschreibt die Tendenz, bestimmte Praktiken dazu zu nutzen, um den seinen Schattenseiten und emotionalen Verletzungen zu entfliehen statt sich ihnen zu stellen und mit ihnen zu sein.

Lass dir also an dieser Stelle gesagt sein: Achtsam zu sein bedeutet nicht, sich “wegzuträumen” oder schwierigen Situationen oder Phasen im Leben zu entfliehen.

Es geht eben darum, alles, was hochkommt wahrzunehmen und es bewusst zu durchleben. Tiefe traumatische Erlebnisse können natürlich nicht allein dadurch geheilt werden, sie bedürfen weiterer professioneller Hilfe. Achtsamkeit kann dabei aber eine hervorragende Unterstützung sein.

Das Schönste ist, dass du nicht viel dafür brauchst: Offenheit, Freiwilligkeit und die Fähigkeit, dranzubleiben, sind die Hauptzutaten für ein achtsames Leben.

Tschüss Autopilot: Wenn die eigenen Muster erkennbar werden

Wenn wir achtsam mit uns und unserem Umfeld sind, bleiben wir bei unseren Gedanken und fühlen die Gefühle statt vor ihnen wegzulaufen oder sie zu überspielen.

Achtsamkeit bedeutet, uns in jedem Moment bewusst wahrzunehmen ohne den Ist-Zustand ändern zu wollen. Sobald ein Verlangen entsteht, den momentan Zustand ändern zu wollen, weisen wir einen Teil von uns selbst zurück. Dadurch beginnen wir, uns selbst in Teile zu fragmentieren, die wir als “gut” und “weniger gut” bewerten – und genau das löst Leidensdruck und Stress aus. Denn auf einmal fühlen wir uns nicht mehr als ganzes Wesen, sondern zerstückelt und versuchen, die ganzen Teile irgendwie zusammenzuhalten. 

Nehmen wir beispielsweise an, wir erhalten einen Anruf von einem guten Freund*in, der offensichtlich wütend auf uns ist und uns für etwas verantwortlich macht. Häufig zieht sich in solchen Moment der Magen zusammen, rote Farbe steigt in den Kopf und wir feuern zurück, sobald wir angegriffen werden. Wir fallen psychologisch in Muster, auf die wir als Kind angewiesen waren, um zu überleben.

Wir werden zum Opfer unserer eigenen Emotionen, unseres konditionierten Programms und schalten in einen “Reaktionsmodus” statt das Gefühl bewusst wahrzunehmen, es zu kommunizieren und damit zu sitzen.

Achtsamkeit bedeutet, die aufkommende Wut zu spüren und sie anzunehmen ohne dich gegen sie zu wehren und damit in alte Reaktionsmuster zu verfallen. In der Regel wollen wir in diesen Momenten eine neue Realität erschaffen und unser Ego um jeden Preis verteidigen anstatt anzunehmen, was gerade vor uns passiert und was es in uns auslöst.

Du kannst es üben, wenn du an der Kasse stehst und ungeduldig anfängst mit dem Fuß zu tippeln. Oder, wenn das Meeting mal wieder länger dauert. Wie wäre es, wenn du das nächste Mal ganz bewusst und bei dir bist, wenn dich jemand kritisiert oder dir etwas sagt, das du nicht hören möchtest? Wo fühlst du meist die Kritik: In der Brust, im Kopf oder im Bauch?

Allein diese kleinen Beispiele zeigen dir, dass Achtsamkeit nicht nur innerhalb von Meditation gelebt werden kann, sondern in jedem Moment deines Lebens.

Regelmäßige Meditationen oder Achtsamkeitsübungen können dir natürlich dabei helfen, genau in diesen Situationen bewusst zu bleiben und zu beobachten statt ins Reaktionsmuster zu fallen. Aber die wirklich besten Momente, um Achtsamkeit zu praktizieren, ist jeder Moment deines Lebens – vor allem die herausfordernden.

Übung: Jeder Moment ist eine Gelegenheit, ein achtsames Leben zu beginnen

Wir würden dich ungern aus diesem Artikel entlassen ohne dir eine kleine Übung für den Alltag mitzugeben, damit du direkt damit loslegen kannst, mehr Achtsamkeit in dein Leben einzuladen.

Dabei ist jeder Moment in deinem Alltag eine Möglichkeit, dich immer wieder mit dem Konzept der Achtsamkeit vertraut zu machen. Falls du direkt damit loslegen möchtest, kannst du dir heute oder morgen einen Moment aussuchen, in dem du Achtsamkeit bewusst praktizierst.

Zum Anfang sollte es vielleicht nicht unbedingt eine Konfliktsituation sein, sondern etwas, was du normalerweise sehr unbewusst verrichtest – beispielsweise einkaufen gehen, zur Arbeit laufen oder das Abendessen zubereiten.

Versuche diesmal alles ganz genau wahrzunehmen: 

  • Wie fühlt sich der Fußboden beim Spazierengehen an? 
  • Welche Vögel kannst in den Bäumen sehen? 
  • Wie riechen die Gewürze? 
  • Wie schmecken die Zutaten? 
  • Welche Musik läuft im Supermarkt?
  • Wie wirken die Menschen in deiner Umgebung auf dich? 

Beobachte auch bewusst deine Gedanken ohne dich darin zu verheddern. Versuche, bewusst wahrzunehmen, was du denkst, fühlst, riechst, schmeckst und welche Verbindung du zu anderen Menschen, Tieren oder Lebensmitteln fühlst.

Du wirst merken, dass es gar nicht so einfach ist, bei der Sache zu bleiben ohne sich mit dem eigenen Verstand und den Gedanken zu verstricken. Sei bitte geduldig mit dir, denn diese Praxis erfordert Zeit, Kontinuität und Mitgefühl. Es wird nicht von heute auf morgen funktionieren, aber es wird mit der Zeit immer einfacher – versprochen!

In seinem Buch “Einbruch in die Freiheit” schreibt Jiddu Krishnamurti, ein indischer Philosoph, zum Thema Achtsamkeit:

“In Indien reiste ich einmal in einem Auto. Ein Chauffeur steuerte den Wagen, und ich saß neben ihm. Drei Herren diskutierten sehr eifrig über Bewusstheit und stellten mit darüber Fragen. In diesem Augenblick sah der Fahrer unglücklicherweise woanders hin und überfuhr eine Ziege, und die drei Herren diskutierten immer noch über Bewusstheit. Sie hatten überhaupt nicht wahrgenommen, dass sie über eine Ziege gefahren waren. Als die Herren, die so eifrig versuchten bewusst zu sein, auf diesen Mangel an Achtsamkeit hingewiesen wurden, waren sie sehr überrascht.”

Und, wie sieht Achtsamkeit in deinem Leben aus?

Wir hoffen, dass wir dich mit diesem Artikel dazu inspirieren konnten, das Konzept der Achtsamkeit mit anderen Augen zu sehen – abseits der vielen Vorurteile und missverstandenen Überzeugungen.

In unserer Humanoo-App findest du Achtsamkeitsübungen und Trainings, die dir den Einstieg ins Thema erleichtern und dich motivieren, loszulegen. 

Achtsamkeit ist nämlich eines der schönsten Geschenke, die wir unserem Körper, Geist, anderen Menschen und Lebewesen machen können.

Wenn wir es schaffen, dieses Konzept in unseren Alltag zu integrieren, wird sowohl unser Wohlbefinden als auch das unseres Umfeldes davon profitieren. Es wird einfacher für dich, die Schönheit eines jeden Augenblicks zu erkennen und zu genießen.

Sei geduldig mit dir,

Dein Humanoo-Team 

Written by Karina Schönberger

Originally published on 1. Februar 2021

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